In Gedenken an…

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Sehr verehrte Damen und Herren, heute möchte ich einmal etwas machen, was man in der Regel nicht macht. Ich möchte meine „Medienpräsenz“ (so klein sie auch ist) dafür nutzen, um einmal den Menschen zu gedenken, die mir einst am nächsten standen. D.h meine verstorbenen Großeltern, so wie meinem verstorbenen Vater!

Warum? Nun, ich habe in meinem Leben, wie wohl die meisten von uns, eine Menge Menschen getroffen und mir ihre Geschichten angehört. Das habe ich auch nie bereut, denn ich liebe Geschichten, vor allem jene, die „wahr“ sind! Ich habe sie auch stets so honoriert wie es sich gehört und mein Respekt war ernst gemeint. Doch aus irgendeinem Grund kam es mir nie in den Sinn, auch einmal etwas über „meine“ Verwandten zu erzählen und ihnen dadurch jenes Stück Ewigkeit zu verleihen, welches ihnen gebührt!

Meine Großeltern waren Sudetendeutsche, also Vertriebene. Ich kann mich lebhaft daran erinnern, wie mein Opa mir erzählte, dass er eines Nachts von seinen Eltern aus dem Bett geholt wurde, weil sie plötzlich „fliehen“ mussten! Er meinte, seine Familie hätte in der Nähe eines Friedhofs gewohnt und über eben diesen Friedhof seien sie gerannt. Alles, was er sah war Zerstörung und Leichen, die durch den Bombenhagel an die Oberfläche transportiert wurden. Über diese Leichen musste er steigen, um sein eigenes Leben zu retten!

Das ist eine Vorstellung wie aus einem Horrorfilm und ich glaube nicht, dass man sich je vorstellen kann, was dies für ein gerade mal fünfjähriges Kind bedeutet! Heute werden Kinder und auch Erwachsene schon wegen weitaus weniger schlimmen Erfahrungen psychologisch betreut. Mein Opa aber wirkte, so lange ich ihn kannte, „niemals“ wie ein seelisch krank gemachter. Er war der Lebensmut in Person und seine Erzählungen waren in erster Linie „malerisch“ und nicht schrecklich. Er nahm seine Erfahrungen einfach als das hin, was sie eben waren: Als etwas, das ihm passiert ist. Weder definierte er sich darüber, noch beklagte er sich und schon gar nicht verlor er seinen Lebensmut und diese wunderbare Freude, mit der er jeden anstecken konnte, der ihm begegnete!

Einmal sollte er mich von der Schule abholen, als ein Foto gemacht wurde von einer Klasse über mir. Die Schüler lächelten nicht und der Fotograph war verzweifelt. Mein Opa stellte sich heimlich hinter ihn und begann damit Grimassen zu schneiden. Die Schüler fingen an vor Lachen zu brüllen (denn in so was war mein Alterchen richtig gut), der Photograph war verwundert, bis er sich letztlich umdrehte und meinem Opa zum Dank die Hand schüttelte. Stellen Sie sich einmal vor, wie so etwas heute wäre? Heute werden um „Opfer“ egal welcher Art ganze Dramen inszeniert und es werden eine Millionen Gründe dafür gefunden, warum man niemals wieder lachen können wird, wenn man etwas derart „Schreckliches“ erlebt hat!

Genauso auch meine Oma. Meine Oma, über die ich bereits in meinem aller ersten Artikel schrieb, deren Vater von „Alliierten“ in ein KZ gebracht und gefoltert wurde. Hat sie deshalb Deutschland und ihre Vergangenheit gehasst? Nein, sie war immer stolz darauf Hitler die Hand geschüttelt zu haben und in einem Land zu leben, welchem es so gut ging, wie wir es uns heute gar nicht mehr vorstellen können. Da war kein Hass und keine Verzweiflung, keine seelische Verkrüppelung und kein Trauma! Da war nur die Freude über eine Zeit, die längst vergangen war und in der es, laut meiner Oma, wunderschön war!

Sowohl mein Opa, als auch meine Oma waren zutiefst lebensfrohe und lebensbejahende Personen, in denen niemand jemals Frust, Angst oder Groll hätte finden können. Und schon gar keine Reue… und eben weil sie mir ihre Erinnerungen auf diese einzigartige Weise näher brachten, war es mir möglich sie zu glauben!

Als nächstes möchte ich meinem Vater gedenken, der diese Welt im Alter von gerade einmal 46 Jahren verlassen musste. Mein Vater, ein studierter Architekt und Klavierspieler, der in seinem Leben scheinbar keine Angst kannte und es immer verstanden hat, für sein Recht zu kämpfen. In seiner Uni sagte ihm der Vorstand bei seinem Abschluss, dass sie ihm ein Denkmal setzen würden. Denn tatsächlich hat es mein, beinahe mittelloser Vater geschafft, seine Uni dreimal zu verklagen und als einfacher Student auch noch zu gewinnen! Das erstemal ging darum, dass er die Anmeldefrist verpasst hatte, die anderen Dinge habe ich leider vergessen!

Mein Vater hatte immer einen Leitspruch: Verklage niemals eine Firma! Verklage immer einen Namen! Denn eine Firma ist lediglich ein Konstrukt, welches keine Verantwortung tragen kann und wird, Namen hingegen schon! Das war im Grunde eine sehr Weise Einsicht und sein Weg hat ihm Recht gegeben. Dennoch wurde er eines jener Opfer, die in Deutschland am häufigsten zu finden sind. Er wurde das Opfer von übermäßiger Chemotherapie, welche nichts weiter als eine ganz perfide Form der Hinrichtung ist. Hätten wir zu dem Zeitpunkt gewusst, was wir heute durch Doktor Hamer und einige andere wissen, so wäre es vielleicht niemals so weit gekommen!

Ich bin dankbar, dass diese besonderen Menschen mich in dieser Welt begrüßt und den Anfang meines Lebensweges begleitet haben. Ich bin ihnen dankbar für ihre Geschichten über Engel, ihr Leben, welches mir zeigte, dass Spaß und Freude, das erstrebenswerteste sind, was man überhaupt nur erreichen kann und dafür, dass die Dinge mit einer gewissen „Leichtigkeit“ am besten zu regeln sind.

Ich bin ihnen dafür dankbar, dass sie mich, als ich noch ein Kind war, genau das haben sein lassen und dennoch ihre Weisheit an mich weitergeben konnten, als wäre es ein Kinderspiel! Nein, soweit ich mich erinnern kann, gab es keine Schuld, keine Trauer und keine Angst! Meine ersten Jahre waren meine glücklichsten und durch sie konnte ich etwas mitnehmen, was man auf dieser Welt nur allzu leicht verlieren kann… nämlich Hoffnung!

Nun habe ich das nachgeholt, was längst überfällig war und die Worte ausgesprochen, die ich an anderer Stelle vielleicht hätte sagen sollen. Es ist mein Weihnachtsgeschenk an meine ganz persönlichen Helden. Mögen sie es bekommen, dort wo sie jetzt sind! Vielen Dank, dass ich das sagen durfte.

Ein Deutsches Mädchen

2 KOMMENTARE

  1. Schöne Worte und es ist wichtig, dass man (Frau) sie rausläßt. Vieles bleibt ungesagt und es hätte die Angehörigen sicher sehr gefreut, wenn sie sie zu Lebzeiten zu hören bekommen hätten. Aber so ist es auch eine sehr schöne Geste.

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