Ausstieg aus der Megamaschine

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Warum sozialökologischer Wandel nicht ohne eine Veränderung der Tiefenstrukturen unserer Wirtschaft zu haben ist.

Von Fabian Scheidler

Wer eine Zeitung aufschlägt oder Nachrichten hört, fühlt sich in ein Panoptikum von Katastrophenmeldungen versetzt: hier eine verheerende Dürre, dort ein zerfallender Staat, hier ein Terroranschlag, dort ein Finanz-Crash. Man kann alle diese Ereignisse als unzusammenhängende Einzelphänomene betrachten, und genau das wird durch die übliche Art der Nachrichtenaufbereitung auch vermittelt. Man kann sie aber auch in einem größeren Zusammenhang sehen und darin Symptome einer systemischen Krise erkennen, deren einzelne Zweige gemeinsame Wurzeln haben.

Inwiefern aber sind wir Teil eines größeren Systems? Eine ­kenianische Kleinbäuerin und ein Wall-Street-Banker, eine deutsche Staatssekretärin und ein irakischer Polizist leben zweifellos in sehr verschiedenen Lebenswelten – und doch sind sie zugleich durch ein globales Netz miteinander verbunden, das dafür sorgt, dass die Staatssekretärin den Kaffee aus Kenia trinkt und das Penthouse des Bankers mit Öl geheizt wird, das durch Pipelines fließt, die vom irakischen Polizisten bewacht werden. Dieses Netz beinhaltet Flüsse von Gütern und Geld, aber auch von Informationen und von Ideen darüber, wie die Welt ist und sein sollte. Dieses komplexe Netzwerk hat, wie alle sozialen Systeme, eine Geschichte; es hat einen Beginn, eine Entwicklung und irgendwann auch ein Ende.

Die Megamaschine

Das globale System, das uns verbindet, ist unter verschiedenen Namen bekannt: Die einen nennen es das »moderne Weltsystem«, die anderen den »globalen Kapitalismus«. Ich verwende dafür die Metapher der »Megamaschine«, die auf den Historiker Lewis Mumford zurückgeht. Die moderne Megamaschine ist vor rund 500 Jahren in Europa in langen sozialen Auseinandersetzungen entstanden und hat sich seither mit geradezu explosionsartiger ­Geschwindigkeit um den Globus verbreitet. Sie war von Anfang an für eine kleine Minderheit der Weltbevölkerung mit einer sagenhaften Reichtumsvermehrung verbunden, für die Mehrheit aber mit Ver­elendung, radikaler Ausbeutung, Krieg, Völkermord und nicht zuletzt mit der Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen.

In der Frühen Neuzeit, also seit dem 15. Jahrhundert, entstanden die Grundlagen eines transnationalen Handels- und Finanzsystems und einer globalen Arbeitsteilung. Diese ökonomischen Strukturen konnten jedoch unmöglich selbständig funktionieren. Sie waren – und sind es bis heute – von Staaten abhängig, die in der Lage sind, bestimmte Eigentumsrechte durchzusetzen, Infrastrukturen bereitzustellen, Handelsrouten militärisch zu verteidigen, wirtschaftliche Verluste aufzufangen und Widerstand gegen die Zumutungen und Ungerechtigkeiten des Systems unter Kontrolle zu halten. Staat und Markt sind daher nicht, wie oft behauptet wird, ein Gegensatzpaar, sondern historisch als integrale Teile eines gemeinsamen übergeordneten Ganzen entstanden. Zu diesem Ganzen gehört ein ideologischer Überbau, der die gewaltsame Durchsetzung und Ausbreitung des Systems rechtfertigt und als heilbringende Mission darstellt. Eine heute beliebte Form davon ist die Beschwörung der »westlichen Werte«. Früher dienten dazu Begriffe wie »Christenheit« (im Gegensatz zu den »Heiden«), »Abendland« und »Zivilisation« (im Gegensatz zu den »Wilden«) oder »Entwicklung« (im Gegensatz zu den »Unterentwickelten«).

Das beherrschende Ordnungsprinzip dieses Systems ist die endlose Akkumulation von Kapital oder, etwas vereinfacht gesprochen: das Prinzip, aus Geld mehr Geld zu machen. Dies ist neu in der Menschheitsgeschichte. Es gab viele Systeme, in denen Menschen durch Ausbeutung anderer enorme Reichtümer angehäuft haben. Es gab auch einige Gesellschaften, die ihre natürlichen Lebensgrundlagen und damit letztlich sich selbst zerstört haben. Aber keine von ihnen – vom Römischen Reich bis zu den Mayas – beruhte auf einer endlosen Akkumulation, auf einer zum Selbstzweck gewordenen, quasi-automatischen Geld- und Gütervermehrung. Deren bizarre Logik, die sich in der Frühen Neuzeit herausgebildet hat, ist die zentrale Antriebs­feder für die aggressive Expansion und das permanente Wachstum, ohne die das System nicht existieren kann: Neue Märkte und Energiequellen müssen mit allen Mitteln, auch mit Gewalt, erschlossen und immer größere Naturräume in Abraumhalden für die ökonomische Maschinerie verwandelt werden. Innehalten, Verlangsamung, Mäßigung sind in dieser Logik gleichbedeutend mit Krise und Zusammenbruch. Daher sind, wie wir sehen werden, auch die Hoffnungen trügerisch, dass uns allein »grüne Technik« vor dem ökologischen Kollaps ­retten wird.

Im Getriebe endloser Akkumulation

Die Geldvermehrungslogik hat eine Eigendynamik, die weit über die individuelle Gier Einzelner hinausgeht. Ein Beispiel dafür ist die Aktiengesellschaft, die als Rechtsform vor etwa 400 Jahren entstanden ist und seither einen der entscheidenden Motoren der Akkumulation darstellt. Der Vorstandsvorsitzende einer großen Aktien­gesellschaft mag gierig oder bescheiden, ein Öko oder ein Klimaleugner sein: Seine Funktion besteht darin, das Quartalsergebnis des Unternehmens zu optimieren. Erfüllt er diese nicht oder nur unzureichend, spuckt die Institution ihn aus.

Nach diesem Bauprinzip sind die mächtigsten Organisationen der Erde geschaffen. Die 500 größten Unternehmen der Welt – die meisten von ihnen Aktiengesellschaften – vereinigen die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung auf sich. Was sie produzieren – Autos und Medikamente, Schnuller und Maschinengewehre, Viehfutter und Strom –, sind austauschbare Mittel zu ihrem eigentlichen Zweck, nämlich der Geldvermehrung. Ist der Bedarf an Produkten gedeckt, muss neuer Bedarf geschaffen werden. Daher ist es unabdingbar, dass Menschen in Konsumentinnen und Konsumenten verwandelt werden, deren Beitrag zum gesellschaftlichen Leben im Kaufen besteht – ganz gleich wie sinnlos, überflüssig oder schädlich die Produkte sind. Gesellschaftliche Entscheidungen über Sinn und Zweck des Ganzen, die Fragen, was Menschen wirklich brauchen und wie sie leben wollen, haben in ihrer Logik keinen Platz.

Die Grenzen des Systems

Die fünfhundertjährige Expansion der Megamaschine stößt allerdings im 21. Jahrhundert an kaum überwindbare Grenzen. Zum einen stottert die Akkumulationsmaschine: Die große Zahl von armen Menschen weltweit und die ­abbröckelnden Mittelschichten haben nicht das Geld, um eine wachsende Produktion noch zu profitab­len Preisen aufzukaufen. Daher weicht die Wirtschaft auf Finanzspekulatio­nen aus, die sich in immer tieferen Crashs entladen und Wirtschaft wie Staaten weiter destabilisieren. Je effektiver es Kapitalbesitzern gelingt, Löhne zu drücken, desto mehr spitzt sich die Krise zu. Die wohl einzige Möglichkeit, diesen Trend umzukehren, um die Megamaschine wieder flottzumachen, wäre ein Programm zur massiven Besteuerung von Reichtum, aus dem Umverteilung und staatliche Konjunkturprogramme finanziert würden. Allerdings arbeiten heute fast alle tonangebenden Kräfte aus kurzfristigen Eigeninter­essen genau dagegen an. Doch selbst wenn dies gelingen sollte, würden wir dadurch die zweite und noch schwerer zu unüberwindende Grenze nur umso schneller zu spüren bekommen: die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Diese Grenze betrifft nicht ­allein das Klima, sondern auch unsere Böden, unsere Süßwasservorräte, die Artenvielfalt, die Ozeane und Wälder, die alle einem beschleunigten Verwüstungsprozess ausgesetzt sind. Da man Geld nicht essen kann und es auf einem toten Planeten auch kein Wirtschaftswachstum mehr geben wird, sind die Grenzen der Biosphäre letztlich auch die Grenzen der Megamaschine.

Fata Morgana »ökosozialer Kapitalismus«

Nun wird immer wieder gesagt, wir könnten dieses System so verändern, dass die Wohlstandsproduktion von den zerstörerischen Wirkungen entkoppelt wird. Die Frage ist: Kann es eine wirklich grüne, soziale und friedliche Megamaschine geben? Zu denen, die darauf mit »Ja« antworten, gehören die Verfechter von Konzepten wie »Grünes Wachstum«, »Green New Deal« oder »Blue Economy«. Die Argumentation lautet: Wenn wir für jeden Euro, den wir erwirtschaften, immer weniger Ressourcen verbrauchen, dann können wir das Geld immer weiter vermehren und dabei einen immer kleineren ökologischen Fußabdruck hinterlassen. So schaffen wir einen ätherischen, ressourcenleichten Kapitalismus. Zweifellos gibt es in diesen Konzepten einzelne sinnvolle Vorschläge: etwa die Umlenkung von Investitionen in erneuerbare Energien und rohstoffsparende Produktion. Aber der Elefant im Raum, dem wir die Misere überhaupt zu verdanken haben, nämlich die Logik der endlosen Akkumulation, wird ausgeblendet.

In der Praxis führt das zu der Illusion, wir könnten die Tiefenstruktur unserer Gesellschaft so lassen, wie sie ist, und durch ein paar technische Innovationen und ökologische »Leitplanken« den nötigen Wandel erreichen. Wie trügerisch das ist, zeigt beispielsweise die großspurige Ankündigung aus den 1990er Jahren, mit der allgemeinen Verbreitung von Computern und Internet würden wir uns in eine »dematerialisierte« Ökonomie hineinbewegen: weniger Papierverbrauch, weniger Verkehr, eine körperlose, grüne Dienstleistungsökonomie. Was ist dar­aus geworden? Allein der Güterverkehr hat in den letzten 15 Jahren um etwa ein Drittel zugenommen. Die Deutschen, inzwischen bewaffnet mit unzähligen Computern, Tablets und Smartphones, verbrauchen zusätzlich zu ihrem Maschinenpark noch so viel Papier wie sämtliche 1,5 Milliarden Afri­kaner und Südamerikaner zusammen. Nur der Wirtschaftseinbruch der Finanzkrise 2008 hat in diesen Kurven eine Delle hinterlassen – eines der vielen Indizien dafür, dass eine ökologische Erleichterung nicht ohne eine Schrumpfung des Wirtschaftsvolumens zu haben ist. Das allerdings bedeutet in der Logik der endlosen Akkumulation: Krise, Massenarbeitslosigkeit, Verschärfung sozialer Konflikte, Staatspleiten.

Nur Veränderung ist realistisch

Um diesem Dilemma zu entrinnen, müssen wir die Tiefenstrukturen unserer Wirtschaft verändern und aus der ­Maschinerie der Geldvermehrung aussteigen. Wir brauchen Formen des Wirtschaftens, die dem Gemeinwohl dienen, nicht dem Profit. Dafür gilt es, nicht nur das Konsumverhalten zu verändern, sondern auch unsere Institutionen, die Art, wie wir produzieren, die Logiken staatlichen Handelns. Wir brauchen eine Strategie, um gemeinwohlorientiertes Wirtschaften, das auf ­lokalen und regionalen Netzwerken aufbaut, massiv zu fördern und zugleich die Sektoren der Wirtschaft, die dem Akkumulationsprinzip und dem Raubbau verschrieben sind, zu schrumpfen. Utopisch? Mag sein. Aber ganz gewiss nicht realitätsfremd. Denn wenn etwas angesichts der globalen Krisen realitätsfremd ist, dann ein »Weiter so!« mit einigen kosmetischen Reparaturen. Radikale Veränderung ist in dem Chaos, in das wir uns hineinbewegen, das Einzige, was realistisch ist: Sie wird kommen, egal, ob wir es wollen oder nicht. Die Frage lautet nur: Wie wird diese Veränderung aus­sehen? Wer wird sie gestalten in welcher ­Richtung gestalten?

Nichts deutet auf einen sanften Übergang hin. Im Gegenteil, die Zeiten werden ungemütlich werden, und das aus mehreren Gründen. Weil man zu lange auf das Trugbild eines begrünten Kapitalismus gesetzt hat, fehlen politische Konzepte für einen Ausstieg aus der Megamaschine. Währenddessen mauern sich die globalen Eliten in ihren videoüberwachten Hochsicherheits­enklaven ein und scheinen entschlossen, ihre Privilegien mit allen Mitteln zu verteidigen. Ein Kampf um die Wohlstandsinseln zeichnet sich ab, in vielen Ländern gewinnen autoritäre, fundamentalistische und rassistische Kräfte die Oberhand. Da es keinen Plan für einen Übergang gibt, müssen wir mit immer einschneidenderen Systemzusammenbrüchen rechnen: Finanz-Crashs, ökologischen Desastern, sozialen Krisen. Wie können sich soziale und ökologische Bewegungen darauf vorbereiten?

Die Kräfte für eine sozialökologische Transformation werden in dieser Gemengelage nur eine Chance haben, wenn sie sich untereinander vernetzen, aus den Nischen herauskommen und politische Räume besetzen, die durch die zerfallende alte Ordnung frei werden. Wenn sich das Ökodorf und die Initiative gegen Zwangsräumungen, streikende Krankenpflegekräfte und rebellierende Professorinnen und Professoren verbünden, kann genügend Energie zusammenkommen, um systemrelevant zu werden. Dafür gibt es Beispiele, etwa in den spanischen »Rebel Cities« wie Barcelona und A Coruña, wo die Stadtverwaltungen inzwischen von den sozialen und ökologischen Bewegungen erobert wurden.

Doch sobald solche Bewegungen aus der Nische herauskommen, nimmt auch der Gegenwind zu. Denn der Weg zu einer wirklich gemeinwohlorientierten, zukunftsfähigen Ökonomie ist kein Win-Win-Spiel. Ihn zu gehen, bedeutet, mächtigen Interessen zu trotzen und Eigentumsverhältnisse infrage zu stellen. Die meisten Menschen in den Städten sind zum Beispiel gezwungen, im Hamsterrad der Akkumulation zu arbeiten, um die Mieten zu bezahlen, die eine Clique von Immobilienhaien und Fonds einstreicht, um das Rad der Finanzmärkte weiterzudrehen. Eine ernsthafte Transformation ist nicht ohne Änderung der Eigentumsverhältnisse denkbar. Das gleiche gilt für den Kampf um eine dezentrale Energiewende, um andere Formen der Mobilität, um Ernährungssouveränität, um patentfreie Produkte, um unsere Wasser- und ­Gesundheitsversorgung.

Wir bewegen uns in ein neues Zeitalter der Revolutionen hinein. Es ist unmöglich, vorauszusagen, was am Ende herauskommen wird: eine Welt, die noch mehr als die heutige von Ungerechtigkeit geprägt ist, oder eine friedlichere Welt. Sicher ist nur eines: In einem chaotischen System kann der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt einen Sturm auslösen. Es kommt also auf uns alle an.

Quelle: Das Ende der Megamaschine


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