Geld und Währung: Inflation

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Dr. Bang, PaulIn den 1920er und Anfang der 1930er Jahre war Deutschland in einem furchtbaren Zustand. Hyperinflation, Armut, Reparationen gemäß Versailles und mehr würgten das Land regelrecht ab. Dieses Buch ist ein wichtiges historisches Zeitdokument und zeigt dazu, dass Geld und Währung bereits damals ein heiß diskutiertes Thema waren. Wer im Zuge des Lesens Parallelen zur heutigen Zeit findet …

Diese PDF stellen wir hiermit zum Herunterladen zur Verfügung. Da wir allerdings davon ausgehen, dass eine Mehrheit unserer Leser ihre liebe Mühe mit der altdeutschen Frakturschrift hat, wird der Text Stück für Stück abgeschrieben und hier nach jeweiliger Fertigstellung kapitelweise zum Lesen bereitgestellt.

Die Redaktion

Teil 1: Einleitung
Teil 3: Deflation
Teil 4: Geld
Teil 5: Währung
Teil 6: Goldwährung
Teil 7: Nationalwährung (folgt)


Dr. P. Bang: Geld und Währung – Eine gemeinverständliche Darstellung (1932)

II. Inflation

Inflation ist ein spanisches Wort, das in Südamerika bei den Kuhhändlern gebräuchlich ist, die vor dem Verkauf ihre Kühe voll Wasser pumpen.

Was ist Inflation beim Gelde?

Schulze verborgt an Müller ein Pfund Kartoffeln unter der Bedingung, ihm nach vier Wochen ein Pfund gleicher Sorte zurückzugeben. Nach vier Wochen erscheint Müller pünktlich, um seine Schuld zu begleichen und bietet Schulze ¼ Pfund gleicher Sorte an. Schulze lehnt erbost ab und besteht auf Rückzahlung eines Pfundes. Müller erwidert hohnlächelnd:

„Ich gebe dir hier ja ein Pfund zurück. Du scheinst auf dem Monde zu leben und nicht zu wissen, dass die staatlichen Eichämter seit gestern nicht mehr 500 Gramm, sondern 125 Gramm als ein Pfund auszeichnen.“

Schulze vergisst seine gute Erziehung, nennt Müller einen ganz gemeinen Betrüger und kommt in zu enge Berührung mit seinem Gesichte. Müller verklagt ihn wegen tätlicher Beleidigung und Schulze muss sitzen.

Danach verklagt Schulze den Müller auf Rücklieferung eines Pfundes. Die Klage wird abgewiesen mit der Begründung, dass Müller seine Schuld redlich und richtig beglichen habe. In der Tat würden jetzt durch staatliche Verfügung schon 125 Gramm „ein Pfund“ genannt. Pfund sei Pfund. Schulze habe also „ein Pfund“ zurückerhalten. In Wirklichkeit verlange er also jetzt nicht ein, sondern vier Pfund zurück. Das sei Wucher. Wenn er sich dessen noch einmal erdreiste, würde er auch noch wegen Wucher hochgenommen. Schulze trägt die Kosten und ist dafür um eine Erfahrung reicher. Von Rechts wegen. Im Namen des Volkes!

Moderne Laiengemüter meinen, so etwas könne es nicht geben. Das sei ja gesetzlich geregelter Betrug oder volkswirtschaftlich ausgedrückt: Ersetzung der Tauschwirtschaft durch Betrugswirtschaft. Nun, so etwas gab es bei uns auf dem Geldgebiete, und zwar jahrelang. Urteile dieser Art könnten zahlreich beigebracht werden.

So etwas gibt es zwar nicht bei der Zeit-, Maß- und Gewichtsbenennung, wohl aber mit noch viel ernsteren Folgen beim Wertmesser, also beim Geldwesen. Das obige Beispiel kennzeichnet ohne die allergeringste Übertreibung den täglichen, ja stündlichen Vorgang der Inflation im Geldverkehr, also im Blutkreislauf der Wirtschaft.

Es wäre viel weniger gefährlich, wenn sich dieser Vorgang im Maß- und Gewichtswesen abspielte, weil dann alle Volksgenossen ohne weiteres wüssten, was vor sich ginge, sich von vornherein danach gerichtet hätten und zweifellos mit vereinten Kräften alles getan hätte, um das Unheil nicht werden und wachsen zu lassen. Obgleich bei uns ja immer so manches Unmögliche möglich ist, das würde man dem Deutschen doch wohl kaum einreden können, dass z.B. der Weg zu seiner Arbeitsstätte kürzer oder länger werde, je nachdem man das Längenmaß ändert. Wer bisher fünfzehn Minuten gelaufen ist, würde wissen, das er zum Ablauf derselben Strecke auch dann fünfzehn Minuten braucht, wenn man schon ein Meter als Kilometer bezeichnen wollte. Wohl niemand würde sich durch solch willkürliches Verfahren die lebendigen Wirtschaftsbilder verfälschen lassen.

Beim Gelde liegen die Dinge für den Laien schwieriger. Die willkürliche Verkürzung des Wertmaßes tritt hier ohne Änderung der Benennung, also nicht ersichtlich, in Erscheinung. Sie ist das Ergebnis von Vorgängen, die für viele geheimnisvoll bleiben.

Auch treten die Wirkungen gewissermaßen hintenherum, sowie verschiedenartig und zugleich unzusammenhängend auf. Und doch ist der Vorgang ganz genau derselbe, ja noch verderblicher als bei den vorgenannten Beispielen. Man braucht diese Beispiele nur in den Geldverkehr umzudenken, um sich klar darüber zu werden.

Bleiben wir einmal bei diesem zuletzt genannten Beispiel und setzen wir an Stelle Strecke = Ware, statt fünfzehn Minuten = Wert, statt Kilometer = Wertmesser. Die Ware behält ihren Wert (Tauschwert), auch wenn man das Einkaufsmittel bis auf seinen tausendsten Teil verkürzt, also den Preis der Ware tausendmal erhöht. Wie die Strecke nicht dadurch größer wird, dass man die Einheit des Längenmaßes verkürzt, wird die Ware nicht dadurch „teurer“, dass man ihren Wertmesser verkleinert. Sie kann nur teurer werden, wenn sich ihr Verhältnis zu allen anderen Waren ändert, insbesondere wenn sie seltener wird.

Man erhielt während der Inflationszeit für 100 Meter Anzugsstoffe genau so viele Schuhe wie vor 30 oder 40 Jahren oder wie heute, für einen Zentner Weizen genau soviel Tinte wie vor 30 oder 40 Jahren oder wie heute. Wenn man von den Fällen der Seltenheit absieht, lebte in Wahrheit das deutsche Volk während der Inflation nicht teurer als früher, sondern vielfach billiger.

Nennen wir irgendein Beispiel: Am 10. November 1922 kostete in Berlin ein Pfund Butter weit über 1.000 Mark. Das waren damals genau 87 Pfennig Geld. Im Frieden kostete dasselbe Pfund 1,20 Mark in Berlin. Es war also Torheit von „Teuerung“ zu reden. Wer das tat, verriet, dass er nicht wusste, was Geld ist.

Dass unser Volk unter der Inflation und ihrem täglich sich steigernden Druck ächzte, war sehr verständlich. Man könnte sich höchstens darüber wundern, dass es vor allem in seinen beraubten und betrogenen Mittelschichten so erstaunlich geduldig war. Dass es aber seinen berechtigten Unmut gegen „Teuerung“ richtete, war heller Wahnsinn. Wer damals gegen armselige Krämer demonstrierte, weil sie „wucherisch“ die Butter mit tausend und mehr Mark auszeichneten, demonstrierte in Wahrheit gegen sich selber. Warum wurde nicht demonstriert gegen die Ursache des Unheils, gegen die Geldverfälschung, ihre Urheber und Förderer? Weil die Betrogenen nicht wussten, was Geld ist.

Dass wir von 1918 bis 1924 mit dem Markbegriff gerechnet haben, war ein nationales Unglück von unerhörter Tragweite. Die heimliche Verkürzung des Wertmessers unter Beibehaltung der Wertbenennung hat zu einer vollständigen Verzerrung sämtlicher Wirtschaftsbilder geführt.

Wer vor Jahren dem Reiche 1.000 Mark geborgt hatte, nahm es ruhig hin, wenn er, um beim November 1922 zu bleiben, damals ganze 50 Pfennig zurückerhielt, weil diese 50 Pfennig 1.000 Mark genannt wurden. Und wenn einer bei einem Entwertungsfaktor von 1.500 glücklicher Besitzer einer Million solcher 1.500 Teilchen einer Mark war, so bildete er sich ein, er sei Millionär. In Wahrheit hatte er damals ganze 660 Mark.

Ich kenne die Rede eines Gewerkschaftssekretärs von damals, der einer begeisterten Zuhörerschaft klarmachte, welchen Segen doch der Umschwung von 1918 der Arbeiterschaft und der Angestelltenschaft gebracht habe. Niemals hätte man auch in den kühnsten Träumen erwartet, zu solchen Löhnen und Gehältern zu gelangen!

Wenn schließlich ein Unternehmer am 1. Januar 1922 mit einer Bilanz von 100.000 Mark begann und am 31. Dezember 1922 mit 200.000 Mark abschloss, so buchte er schmunzelnd einen „Gewinn“ von 100.000 Mark. In Wahrheit hatte er keinen Gewinn gemacht, sondern er hatte einen Verlust gehabt in der schauerlichen Höhe von fast ¾ seines Anfangsvermögens! Er hätte also diesen Betrag abschreiben müssen.

So verglich die deutsche Wirtschaft in ihren Bilanzen fortgesetzt unvergleichbare Werte miteinander. Ja, schließlich war es so, dass jeder einzelne Wochenabschluss und schließlich Tagesabschluss in jedem deutschen Geschäft und in jedem deutschen Privathaushalt Unvergleichbares miteinander verglich. Marktbilanzen waren Falschbilanzen. Und auf diesen Vergleichungen baute die deutsche Wirtschaft sämtliche Wirtschaftsschlüsse auf. Schließlich war auf diesem Wege die gesamte deutsche Wirtschaft genau so bankrott wie der deutsche Staat.

Niemals wäre es dahin gekommen, wenn unser Volk gewusst hätte, was mit ihm vorging, wen ihm also die Tatsache der fortgesetzten Verkürzung des Wertmessers, also die Geldverfälschung, ersichtlich gemacht worden wäre. Es wäre dann nicht in den Irrwahn verfallen, dass man zur Zurücklegung von 1.000 m statt fünfzehn Minuten nur noch wenige Sekunden Muskelaufwand, also Arbeitsaufwand brauche, wenn man das Längenmaß km auf 1 m verkürzt.

Der Irrwahn war zunächst sehr angenehm. Er täuschte über die Notwendigkeit entsprechender Muskel- und Arbeitsaufwände und brachte den holden Schein, dass es jedem mit einem Male besser ginge, weil jeder die ihm bescherten Markteilchen mit Mark verwechselte, sich also trotz Minderarbeit „reicher“ dünkte. Das Teuflische dieses Vorgangs lag daran, dass, je kleiner jene Teilchen wurden, desto größer der Schein des Wohlstandes wurde.

Noch angenehmer war jener Wahn für die, die unsere marxistische Wirtschaftspolitik zu verantworten hatten. Der Geldwahn war ein überaus bequemes Mittel, sich ohne eigene Anstrengung und ohne unpopuläre Maßnahmen über gewisse Schwierigkeiten nach dem Umsturz hinweg zu bringen und dem „befreiten“ Volke als die idealen Verwirklicher des Himmelreichs auf Erden zu erscheinen.

Den verhängnisvollen Schein des Wohlstandes durch fortgesetzte Zerkleinerung der Mark kann man aber nur bis zu einer gewissen Grenze durchführen. Diese Grenze ist in dem Augenblick erreicht, in dem die andere, zunächst unsichtbare Wirkung der Markentwertung, nämlich die Enteignung, keine liquiden Wert mehr vorfindet, in dem also die Wirtschaftsreserven und die liquiden Substanzteile aufgezehrt sind. Denn das wahr die Kehrseite der Wohlstandslüge von 1918 bis 1924.

Die Geldentwertung ist die bequemste, feigste und schnellste Form der Enteignung. Bei der Inflation wird die Banknote aus Geld zu einer Art versteckter Zwangsanleihe, zu einer betrügerischen Enteignungssteuer. Der Entwertungsfaktor der Mark wird zum Enteignungsfaktor der Substanz. Man mache sich das an folgendem Beispiel klar:

Vor dem Kriege hatte das Reich 5 Milliarden fundierte und 0,4 Milliarden schwebende Schulden, zusammen also 5,4 Milliarden. Am 1. April 1922 hatte es 78 Milliarden fundierte und 262 Milliarden unfundierte Schulden, also zusammen 340 Milliarden. Da am 1. April der Entwertungsfaktor auf 70 stand, bedeuteten die 340 Milliarden in Wahrheit 4,8 Milliarden. Wir hatten also damals gegenüber der Vorkriegszeit 600 Millionen Mark weniger Schulden.

Die innere Reichsschuld war also trotz Krieg, Umsturz, Erfüllungs- und marxistischer Wirtschaft erheblich gesunken. Also hatten wir bis dahin von der Luft gelebt? Oder aber hatten wir von 1918 bis 1. April 1922 unsere Arbeitsleistung gegenüber der Vorkriegszeit derart gesteigert, dass wir nicht nur unser eigenes Volk ernähren und die Feinde befriedigen, sondern auch noch innere Schulden tilgen konnten?

Bekanntlich war nichts von alledem der Fall. Also? Jene 600 Millionen (und die Leistungen an die Feinde und ein erheblicher Teil unseres inneren Aufwands!) stammten aus der versteckten Enteignung unseres Volkes durch die Geldentwertung.

Ende 1923 war dieser Vorgang bekanntlich beendet: damals waren (trotz und neben allen Leistungen an die Feinde!) sowohl das Reich wie die Länder und Gemeinden ihre gesamten Schulden los. Zugleich war aber auch unser Volk seine Ersparnisse, unsere Wirtschaft ihr Betriebskapital und ihre Reserven los. Der steigenden Geldentwertung entsprach der steigende Kapital- und Wirtschaftsschwund!

So war am Schluss der Inflationsperiode, also Ende 1923, das mobile Kapital zu fast 100 Prozent geopfert. Ebenso war das wirtschaftliche Betriebskapital verschwunden. Von dem auf diese Weise durch die Marktentwertung enteigneten Vermögen haben wir während der Jahre 1919 bis 1924 gelebt. Dieses enteignete Vermögen war gewissermaßen unser Arbeitsersatz. Das Spiel war aus. Die seit Jahren von uns vorausgesagten Folgen traten ein. Misshandelte Wirtschaftsgesetze treiben unbarmherzig ihre Forderungen ein!

Es trat aber zugleich das Schlimmste ein, was einer entkapitalisierten Wirtschaft geschehen kann. Statt aufzuräumen mit den tiefsten Ursachen dieser unheilvollen Entwicklung, mit der Kriegsschuldlügenpolitik und mit der Politik der marxistischen Wirtschaftslüge, suchte man diese Politik über Wasser zu halten durch Umstellung der entkapitalisierten deutschen Wirtschaft auf fremde Unterlagen.

Es begann die Zeit der fessellosen Anleihewirtschaft. An Stelle der Wohlstandslüge der Inflation, trat die Wohlstandslüge der geborgten Kaufkraft.

[nächstes Kapitel: Deflation]


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