Wenn Aberglaube wehrlos macht

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Von Markus Vahlefeld

Wanderungsbewegungen sind so alt wie die Menschheit, seit sie sesshaft geworden ist. Naturkatastrophen, Kriege, Armut, Repression – die Gründe für das Verlassen der angestammten Umgebung sind vielfältig. Was alle verbindet: der Wunsch nach einer Verbesserung der Lebensverhältnisse, der naive Traum vom Glück.Wanderungen sind selten friedlich verlaufen. Immer wurde die Naivität des Traums vom Glück als erstes geopfert, wenn zu seiner Durchsetzung Macht und Gewalt ausgeübt werden mussten. Ägypter, Griechen, Römer, Chinesen, Araber, Spanier, Engländer – alle expansiven Völker können ein Lied davon singen, dass der Traum vom Glück mit viel Blut durchgesetzt wurde und oftmals zum völligen Verschwinden der Unterlegenen führte.

Dass sich heute das Verschwinden ganzer Kulturen und Völker nicht mehr ereignen können soll, lässt eine veritable Geschichtsblindheit vermuten. Warum sollte das Verdrängen von Tierarten und Biotopen, das die westliche Welt mit allen ökologischen Mitteln meint aufhalten zu müssen, einen Bogen um menschliche Kulturen machen? Man muss schon an das Ende der Geschichte glauben, um zu meinen, die Menschheit als Ganzes sei in einen neuen Zustand der Friedfertigkeit und Herzensgüte eingetreten und würde den Status quo fest gemauert und auf ewig bewahren wollen und können.

Der Irrsinn kann jeden Moment wieder losgehen

Jeder, der im September 2015 bei Verstand war, ahnte, dass die offenen Grenzen nach Deutschland und Nordeuropa einen bis in die Tiefen Afrikas reichenden Wanderungsstrom in Bewegung setzen würden. Sechs Monate und mehr als eine Million Einwanderer später wissen wir, dass, wären die Grenzen weiter offen geblieben, sich diese Zahl ad infinitum vergrößert hätte. Das Problem, vor das eine Million neuer Bürger eine Gesellschaft stellt, ist die eine Sache. Die andere Sache ist, dass die Verweigerungshaltung, das Land vor Ungebetenen und Unpassenden überhaupt schützen zu wollen, von der herrschenden Klasse zur neuen deutschen Staatsräson erklärt wurde und weiterhin nicht absehbar ist, diesen Paradigmenwechsel als das zu benennen, was er ist: ein historischer Tabubruch. So bleibt die Furcht, dass der Irrsinn jeden Moment wieder von Neuem losgehen kann.

Das immer wieder gern gehörte Argument, diese paar Millionen in archaischen Strukturen sozialisierten jungen Männer könne ein 80-Millionen-Land wie Deutschland doch aushalten, verliert seine wenig überzeugende Nonchalance, wenn man bedenkt, dass viel geringere Einwanderungszahlen bereits Hochkulturen zu Fall gebracht haben. Das Reich der Azteken wurde von Hernán Cortez mit 500 Soldaten vernichtet. Und als Fernando Pizarro mit einem Trupp von weniger als 200 Mann einer Inka-Streitmacht in Zehntausender-Stärke gegenüberstand, war die zahlenmäßige Unterlegenheit so eklatant, dass nach der Quantitäts-Logik die Geschichte hätte anders verlaufen müssen. Sie tat es aber nicht.

Das sofort einschießende Argument dagegen lautet: heute kommen aber Unterlegene in eine Hochkultur, während früher die Eindringlinge die besser Ausgerüsteten und Überlegenen waren. Nun, Geschichte wird von den Siegern geschrieben und Unterlegenheit ist ein sehr relativer Begriff, den die Hochkulturen Südamerikas vor ihrer Vernichtung vehement zurückgewiesen hätten. Ihre staatliche Organisation, ihr Militär, ihr Reichtum waren doch aus anderem Holz geschnitzt als die paar abgerissenen Söldner, die von den Segelschiffen ans Land gespuckt wurden.

Auch technische Überlegenheit sieht anders aus als bei den Konquistadoren. Die Schusswaffen der Spanier, die Arkebusen, waren schwerfällig und ihre Treffergenauigkeit unterirdisch. Und auch die von den Spaniern ins Land geschafften wenigen Kanonen machten zwar einen Höllenlärm, hätten aber gegen die schiere zahlenmäßige Übermacht im Verhältnis 1:100 nichts ausrichten können. Allein ein Nachladevorgang hätte zum sicheren Tod der Kanoniere geführt.

Bloß keinen Generalverdacht! Lieber eine mürrische Indifferenz!

Die Überlegenheit der Konquistadoren lag weniger in ihrer Ausstattung oder ihrer ausgefeilten Technik begründet, als vielmehr im Aberglauben der indigenen Völker. Die weiße Haut der spanischen Eindringlinge war für die Anbeter eines Sonnenkults Hinweis auf ihre direkte göttliche Abstammung, die unbekannten Pferde erschienen wie Himmelsboten und der ungeheure Lärm, den sie mit ihren Büchsen und Kanonen veranstalteten, führte zu einem nie gekannten Schrecken, der eine ganze Streitmacht in völlige Lähmung versetzen konnte. Die Kaltblütigkeit und Hinterhältigkeit der Spanier tat dann ihr Übriges.

So wie ehedem die spanischen Konquistadoren als Halbgötter angesehen wurden, so ist auch heute der Verdacht nicht ganz von der Hand zu weisen, alle Einwanderer sollen mithilfe des Begriffs „Flüchtling“ für sakrosankt erklärt werden. Skepsis und Misstrauen den Neuen gegenüber werden als Generalverdacht gemaßregelt und die Ablehnung einer unbekannten und gewaltaffinen Religion als Rassismus gebrandmarkt. Die „mürrische Indifferenz“, die ein Professor dem Volk bei den sich häufenden islamischen Terrorattacken meint empfehlen zu müssen, soll bitteschön einer klatschenden Begeisterung und vorauseilenden Willfährigkeit weichen, wenn es um das große Willkommen geht. Man muss schon sein historisches Gedächtnis vollständig ausgeknipst haben, um in diesem Verhalten einen Fortschritt zu sehen.

Die puritanischen Siedler Nordamerikas hatten sicher nicht den Wunsch nach der Vernichtung der Indianer im Gepäck. Ihnen ging es, oftmals als religiöse Minderheiten im alten Europa selbst unterdrückt und verfolgt, um das freie Ausleben ihrer Religion und um die Abwesenheit staatlicher Repression. Dass die Indianer dennoch vernichtet wurden, hat vor allem mit den überaus brutalen Glücksrittern zu tun, die mit den ihnen so fremden Puritanern ins Land kamen. Ihnen ging es nicht um friedliche Koexistenz, ihnen ging es um Landgewinn, Eigentum und Ausschalten von Konkurrenz, kurz: ebenfalls um ihren Traum vom Glück. Die „mürrische Indifferenz“ der nordamerikanischen Indianer hat sie merkwürdigerweise vor Vernichtung nicht geschützt.

Es waren Glücksritter, Hasardeure und Kriminelle

Die Besiedelung Nordamerikas ist ein sehr hübsches Beispiel dafür, dass eine Landnahme nicht von religiösem Wahn befeuert sein muss und sich trotzdem eine neue Religion durchsetzen kann. Die Besiedelung Mittel- und Südamerikas scheint da eine andere Sprache zu sprechen. Die päpstliche Bulle „Inter caetera“ von 1493 sah vor, jedes neu entdeckte Land den Spaniern oder Portugiesen zuzusprechen, sofern es dem Christentum unterworfen würde. Dennoch: es waren nicht die Bischöfe und Kardinäle, die die missliche Überfahrt in kleinen Segelschiffen wagten und in den peruanischen oder brasilianischen Dschungel vordrangen, sondern Glücksritter, Hasardeure und Kriminelle.

Es war eine sehr elegante Arbeitsteilung, die sich die Kirche dort hat einfallen lassen: die Drecksarbeit der Gründungsverbrechen wird den skrupellosen Glücksrittern überlassen, um dann das Chaos, das sie angerichtet haben, mit religiöser Hingabe zu übernehmen. Freilich war es für die bis dahin angestammten Kulturen dann schon zu spät.

Es ist genau dieses Zuspätkommen der religiös Gutmeinenden, das auch heute wieder so kalkuliert und zynisch wirkt. Im besten Fall verurteilen sie die Verbrechen, die in ihrem Namen begangen werden, und schöpfen dann die Erweiterung ihres Machtbereichs, der sich ohne diese Verbrechen nie vergrößert hätte, als Sahnehäubchen ab. Freilich ohne sich die moralischen Fingerchen schmutzig gemacht zu haben.

Wir versetzen uns in das Jahr 1532

Wenn aus der Geschichte lernen nicht nur für die Zeit zwischen 1933 und 1945 gelten soll, können wir uns für einen Moment in das Jahr 1532 zurückversetzen. Es ist der Abend des 15. November. Auf der peruanischen Hochebene in 3.000 Metern Höhe trifft ein kleiner und versprengter Trupp von weniger als 200 moralisch fragwürdigen, aber hoch motivierten Abenteurern unter Führung eines Fernando Pizarro auf eine Inka-Streitmacht, deren Größe zwischen 20.000 und 80.000 Kriegern gelegen haben muss. Ihr Herrscher, Atahualpa, hatte bereits Wochen vorher Spione ausgesandt, um den kleinen Trupp auf seinem beschwerlichen Weg durch den peruanischen Dschungel und über den Höhenzug der Kordilleren auszukundschaften.

Jetzt standen die erschöpften und zerrissenen Männer vor den Toren der Stadt, und er, der Sonnenkönig, Oberbefehlshaber über ein Riesenheer, rief seine Berater zusammen, um sie zu fragen, wie er mit den Spaniern verfahren solle. Folgende Sätze könnten an diesem denkwürdigen Abend gefallen sein:

„Wir sollten nicht vorschnell urteilen, wir kennen doch Herrn Pizarro noch gar nicht.“

„Bei unserem Arbeitskräftemangel können wir die Spanier sehr gut gebrauchen in den Goldminen. Sie werden dafür sorgen, dass wir noch reicher werden.“

„Sie machen einen so abgerissenen und armen Eindruck. Ich habe Mitleid mit ihnen.“

„Ihre Armut ist unser Reichtum. Wir müssen teilen lernen.“

„Herr Pizarro ist doch religiös, der meint es sicher nur gut. Wir beten alle den gleichen Gott an.“

„Es sind so wenige, die können uns gar nicht gefährlich werden. Vielleicht können wir sie dazu erziehen, unseren Sonnenkult anzunehmen.“

„Dass sie vergewaltigen und morden, hat nichts mit ihrer Religion zu tun.“

„Die letzten Jahrhunderte haben wir so viel erobert und ganze Völker unterjocht. Wir haben kein Recht, Herrn Pizarro abzuweisen.“

„Ich empfinde Herrn Pizarro als ein Geschenk. Endlich wird sich unsere Kultur ändern. Ich freue mich schon so darauf.“

Aus welchen Gründen sich Atahualpa schließlich dafür entschied, am nächsten Tag mit seinem Tross von fast 5.000 Mann unbewaffnet vor Pizarro zu erscheinen, wissen wir Heutigen natürlich nicht. Er wurde gefangen genommen, seine Getreuen niedergemetzelt und obwohl Atahualpa alle noch so horrenden Lösegeldforderungen der Spanier für seine Freilassung erfüllt hatte, wurde er im Sommer 1533 mit der Garrotte erdrosselt, nachdem er, um einem noch entwürdigenderen Tod zu entgehen, zum Christentum übergetreten war.

Geschichte ist keine Dystopie, aber so zu tun, als müsste man in freudiger Erregung über die Veränderungen unserer Gesellschaft jedes Geschichtswissen unter den Teppich kehren, ist eine intellektuelle Zumutung. So wie es eine mürrische Indifferenz geben darf, darf es auch ein gepflegtes Misstrauen und ein gewisses Maß an Skepsis dem Unbekannten gegenüber geben. Das mag vielleicht moralisch nicht ganz so hehr sein, wie Mördern mit Liebe und Beten zu begegnen, für den Fortbestand des Eigenen kann es jedoch durchaus angebracht erscheinen.

Quelle: Achgut


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