Die einen Toten zählen und bedauern wir, die anderen nicht

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Von Jochen

Ja, es war eine lange Liste von Prominenten die von uns gegangen sind. Die Meldungen überschlugen sich. Mir fehlte eigentlich noch eine mit diesem Titel: „Die Mutter der toten Prinzessin Leia ist auch tot!“ Aber vielleicht habe ich sie auch nur übersehen. Warum nur diese Aufregung von so vielen?

Ich habe es da einfacher, obwohl ich bei vielen Namen aufgehorcht habe, ist meine Bindung an Musiker, Schauspieler und sonstige Prominente doch nicht so eng, dass ich um deren Tod viel Gewese machen würde. Den einen bedaure ich, dem anderen gönne ich es und bei einigen, gerade Politikern, warte ich auf die gute Nachricht.

Aber um mich herum in allen sozialen Medien ein Riesentheater um die unvergesslichen Verblichenen. Da ich nicht glaube, dass die alle lügen – zumal ich viele seit Jahren kenne – muss der Grund ein anderer sein. Dann wurde mir plötzlich klar, dass wir uns ja auch in den sozialen Netzen nicht klassenlos bewegen. Tatsächlich bilden wir nicht nur politische Gruppen, oder welche mit gemeinsamen Interessen, sondern natürlich auch Altersgruppen.

Einige sind unter anderem so betroffen, weil die Einschläge näher kommen. Ich habe mit vielen Leuten über ihre Kriegserlebnisse gesprochen. Egal ob sie auf Schiffen, in Schützengräben oder auch nur in matschigen Löchern lagen. Alle haben mir bestätigt, dass der schlimmste Moment immer der war, wenn man auf die nächsten Bomben und Granaten der anderen Seite warten musste und nichts mehr tun konnte um sich zu schützen. Frauen und Kinder die die Bombennächte in den Kellern verbrachten haben ähnliches erlebt.

Das gleiche geschieht mit uns. Ich werde nächstes Jahr sechzig und die Einschläge liegen immer dichter bei mir. Damit muss man umgehen können. Auch das muss man gelernt haben. Nach jedem Einschlag den Kopf hochnehmen um festzustellen, dass es einen selbst nicht erwischt hat. Mein Großvater las uns als Kindern immer aus der Zeitung vor, wer ihm schon wieder die Freundschaft gekündigt hatte und meinte damit die Todesanzeigen.

Auch in unserem Lokalblättchen hatte er natürlich nicht alle gekannt, aber darum ging es nicht. Er verglich das Geburtsjahr und freute sich wie ein Schneekönig wenn er wieder einen überlebt hat. Bis zu seinem Tod mit 96 hatte er natürlich viele überlebt. Mutter und Großmutter schimpften immer mit ihm, wenn er das tat, aber er lächelte nur und sagte, dass man den Toten nicht mehr schaden könne. Irgendwann fragte ich ihn, ob er keine Angst vor dem Tode habe. Doch sagte er. Aber das hält den Tod nicht auf, der verträgt nur kein Gelächter.

Natürlich gibt es keinen Grund über Tote zu lachen. Aber es gibt auch keinen Grund in einer Gesellschaft die den Tod von Kindern, Frauen und Männern und Alten so unbeeindruckt hinnimmt wie es unsere tut, so übertrieben zu reagieren. Unsere Gesellschaft das sind wir selbst.

5.000 sind wohl dieses Jahr im Mittelmeer elendig ersoffen, mehr als Hundertausend sterben in den Kriegen der USA, viele an Krankheiten und Hunger. Und wenn es da dann einen Prominenten oder ein paar von uns bei einem Anschlag trifft, dann reichen wir im Netz flackernde virtuelle Kerzchen weiter. Wenn es in unserer Nähe einschlägt, dann sind wir getroffen. Schlägt es in weiter Ferne ein, dann danken wir unseren Göttern, dass es uns nicht getroffen hat.

Leute so geht es nicht. Ein ermordeter polnischer Lkw-Fahre, ein Rockstar, eine deutsche Politikerin oder ein junges Mädchen in Syrien sind nämlich gleichermaßen tot. Genauso tot wie wir am Ende auch. Der eine früher oder später. Wenn wir betroffen sein wollen, dann bitte doch bei wirklichen Opfern. Wer an Alter stirbt, sich mit Suff, Drogen und Völlerei um Jahre gebracht hat, der verdient und braucht kein Mitgefühl. Das gilt auch für dicke Blogger aus Berlin.

Lasst uns Mitleid mit den echten Opfern unserer Welt und unseres Systems haben und dabei immer überlegen, was man tun könnte um ihnen zu helfen, oder noch besser  was wir tun müssen um solche Opfer zu vermeiden.

Wer wie jetzt gerade in Berlin damit beginnt, darauf hinzuweisen, dass reichlich Polen in der Stadt vor Weihnachten einfallen und die sozialen „Wohltaten“ unserer Obdachlosenasyle missbrauchen und damit die deutschen Obdachlosen in die Kälte drängen, der gehört verprügelt und aus unserer Gesellschaft ausgeschlossen. Aber selbst da wird gespalten und genau so ein Vogel versuchte mir ein virtuelles Kerzlein aufzunötigen.

Leute ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie sehr ich manchmal die Schnauze voll habe. [Willkommen im Verein]

Quelle: Duckhome


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