In Paris brennen Polizisten – das Leben geht weiter. Wie lange noch?

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Von Lizzy Stender

Manche Ortsnamen haben einen symbolischen Beiklang. La Grande Borne heißt diese Pariser Vorort-Siedlung, der große Grenzstein – eine Landmarke, bei deren Passieren man ein Hüben verlässt und sich in ein Drüben begibt.  La Grande Borne ist einer dieser berüchtigten Banlieues, in den siebziger Jahren von sozial-utopistischen Architekten für die Aufnahme von Immigranten aus Nordafrika hochgeplattet. Eines dieser Ghettos der Hoffnungslosigkeit, aus denen schon der seinerzeitige Innenminister Nicolas Sarkozy die „racaille“ (das Gesindel) mit dem „Kärcher“ (auf französisch kerschér) hinausfegen wollte. Einzig die Verwendung dieser beiden Kraftausdrücke hebt diese Äußerung hervor aus dem trägen Strom der ewig gleichen Absichtserklärungen der politisch-medialen Kaste, jener Statements, die eines gemeinsam haben, die Form der folgenlosen Sprechblase. Seit langem ist die Polizeiwache in der 4000-Einwohner-Vorstadt geschlossen, das Alltagsleben dieses Gemeinwesens wird nach der bedingungslosen Kapitulation der République Française von Kriminellen organisiert.

Vor einiger Zeit wurde an der Ampelkreuzung der mehrspurigen Zufahrtsstraße außerhalb der Wohnsiedlung von der Gemeindeverwaltung ein Mast mit einer leistungsfähigen Video-Überwachungsanlage aufgestellt, da sich die bewaffneten Raubüberfälle häuften, die die nordafrikanischen Intensiv-Straftäter aus La Grande Borne auf die bei Rot anhaltenden Autofahrer verübten. Die unmittelbare Wirkung war vielversprechend. Die Überfälle gingen zurück, weil sich die Täter ungern beweiskräftig filmen lassen wollten. Leider hielt die Erleichterung bei den potentiellen Opfern, die gezwungenermaßen diese Straße benutzen, und bei den für die Sicherheit der Bürger zuständigen Amtsträgern nicht lange an. Die Wegelagerer nahmen sich nun die Überwachungsanlage vor, zuletzt vor einigen Wochen, indem sie einen brennenden Lastwagen auf den Mast aufprallen ließen. Um die teure Anlage vor weiteren Beschädigungen zu bewahren, forderte der Bürgermeister Polizeischutz an, in Gestalt zweier Streifen-Kleinwagen der Stadtpolizei, mit jeweils zwei Stadtpolizisten besetzt.

So waren auch am vergangenen Samstag zwei Polizeiautos mit vier Ordnungshütern schützend unter dem Video-Mast aufgestellt, als das Unheil über sie hereinbrach. Ungefähr dreißig vermummte Gestalten, aus La Grande Borne kommend, umringten einen der Streifenwagen, warfen mit Pflastersteinen die Scheiben ein und schleuderten mehrere brennende Molotow-Cocktails auf die Polizisten im Wageninneren. Als diese in hellen Flammen stehenden Menschen verzweifelt versuchten, sich zu befreien, hielten die Mordbrenner mittels mitgebrachter Werkzeuge die Türen des PKWs zu und verhinderten die Flucht. Dann verschwanden sie so schnell, wie sie aufgetaucht waren in ihrem Ghetto. Die beiden Kollegen der betroffenen Polizisten im zweiten Polizeifahrzeug mussten hilflos zusehen, wie ihre Kameraden bei lebendigem Leibe verbrannt werden sollten. Die Beamtin auf dem Beifahrersitz hat schwere Verbrennungen im Gesicht und an den Händen erlitten, ihr 28 Jahre junger Kollege ist am ganzen Körper so schwer verbrannt, dass die Ärzte keine Prognose zu seinen Überlebenschancen abgeben wollen.

Aufschrei? Fehlanzeige

Ein entsetzliches Verbrechen, organisiert, geplant und heimtückisch gegen fast unbewaffnete Gegner gerichtet, die mit der gewaltlosen Verhinderung einer weiteren Sachbeschädigung beauftragt waren. Aufschrei? Aber nicht doch. Business as usual. Es waren ja keine islamistischen Terroristen aus Brüssel, sondern die üblichen Verdächtigen aus dem Milieu der gescheiterten Integration. Die gleichgeschaltete Presse schiebt den Bericht ins Vermischte. Man muß schon weit nach unten scrollen in Le Monde Online, um zu erfahren, daß Monsieur le Président trotz des in vollem Gang befindlichen Wahlkampfes die Zeit gefunden hat, für die Täter das maximale vom Gesetz vorgesehene Strafmaß zu fordern. Was denn sonst, fragt sich der betroffene Bürger. Sofern er dem Front National verbunden ist, fällt ihm zu dem Thema auch gleich die Wiedereinführung der Todesstrafe ein.

Dennoch hat dieses Ereignis bei La Grande Borne das Potential zur Landmarke, zum Wendepunkt. Einen Menschen in einem Auto einzusperren und anzuzünden ist in den Banlieues der französischen Großstädte so wenig außergewöhnlich, dass die Alltagssprache einen geläufigen Ausdruck dafür anbietet: faire un barbecue – ein Grillfest veranstalten. Die Menschen, die auf diese barbarische Weise ermordet werden, sind meistens auf den unteren Rängen der Drogenhändler-Hierarchie angesiedelte Klein-Dealer, die von den Quaîds, den Bossen, zum „Wildern“ in fremde Herrschaftsbereiche geschickt und bei diesen Revierkämpfen im Sinne des Wortes verheizt werden.

Ich habe einmal einen Dokumentarfilm aus Nord-Marseille gesehen, in dem eine Mutter den Reporter zu dem Parkplatz geführt hat, wo ihr achtzehnjähriger Sohn auf diese furchtbare Art umgebracht worden war. Eine lange Reihe von sauber gefegten Schräg-Parkplätzen, von Tamariskenbäumchen beschattet, mittendrin eine dunkle Stelle, wo sich der Asphalt durch die Hitze des Brandes aufgewölbt hatte. Mitten im Alltäglich-Banalen – das blanke Entsetzen. Die Augen dieser Mutter sehe ich noch heute, den Blick voller Trauer und Hoffnungslosigkeit.

In La Grande Borne wurde eine Grenze überschritten

Solange die Gewalt der Drogenbosse sich innerhalb der Ghettos austobt, bleibt diesen bedauernswertesten aller Bürger, diesen vom Rechtsstaat Verlassenen und Verratenen, in der Tat nur die Resignation. In La Grande Borne jedoch brechen die Gewalttäter aus ihrer Cité aus wie mittelalterliche Raubritter aus einer Burg, und machen auch nicht vor den Vertretern des Staates halt.

Anders als in Deutschland ist in Frankreich die Identifikation des Normalbürgers mit Polizei, Gendarmerie und Militär von keines Zweifels Blässe angekränkelt. Ist doch die Fünfte Republik selbst die Schöpfung von Général Charles de Gaulle, vive la France! Bis vor einigen Jahren war die Gendarmerie dem Verteidigungsministerium unterstellt, quasi eine Inlands-Armee. Bei den Gendarmerieposten in den Dörfern und Kleinstädten fällt dem Fremden auf, dass auf dem kasernenartig eingezäunten Gelände hinter der Zugangsschleuse das ganze Leben der Gendarmen stattfindet, vorne im Amtsgebäude die Arbeit und dahinter, im gesicherten Wohnblock, das Familienleben. So war es zumindest bis zur Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy, der den Personalbestand von Polizei und Armee drastisch reduziert hat. Nun stehen die meisten dieser Gendarmerie-Immobilien leer und werden in diesen Tagen – Ironie der Geschichte? – von zwangsweise aus dem „Dschungel“ von Calais auf das ganze Land verteilten illegalen Migranten neu besiedelt.

Die in hohem öffentlichem Ansehen stehenden Polizisten, Gendarmen und Soldaten bilden von der Zivilgesellschaft abgesonderte Gruppen. Ein Konzept wie der „Bürger in Uniform“ der Bonner Republik wäre in Frankreich unvorstellbar. Eine weitere Besonderheit ist, dass diese Funktionseliten den bevorzugten Weg des gesellschaftlichen Aufstiegs darstellen für Hunderttausende von nach dem Algerien-Krieg in den sechziger Jahren aus Nordafrika Eingewanderte und ihre Nachkommen. Da in der streng laizistischen Republik keine Daten über die Religionszugehörigkeit gesammelt werden – offiziell, zumindest – bin ich auf die Schätzungen angewiesen, die besagen, dass etwa ein Drittel der gesamten Sicherheitskräfte einen muslimisch geprägten Migrationshintergrund besitzt. Und gleichzeitig die oberste Stufe der Integration in ihr Ankunftsland erreicht hat, nämlich sich im Ernstfall für Frankreich erschießen zu lassen.

In dieser gesellschaftlichen Gruppe der Angekommenen ist obendrein – man höre und staune – der potentielle Wähleranteil des Front National überdurchschnittlich hoch. Ich kenne selbst einige muslimische Französinnen und Franzosen, die das Laizismus-Gesetz von 1905 – strikte Trennung von Staat und Kirche, Religion ist Privatsache – als Teil ihres persönlichen Wertekanons betrachten. Und, wie überall auf der Welt, sind diejenigen, die sich erfolgreich integriert haben, die schärfsten Kritiker, im Zweifelsfall die erbarmungslosesten Verfolger derjenigen ehemaligen Landsleute, die es nicht geschafft haben.

Im Mai 2017 wird ein neuer Präsident gewählt. Schwer vorauszusagen, ob sich die politische Landschaft tatsächlich verändern wird. Das Mehrheitswahlrecht und die neue Sanftheit von Marine Le Pen lassen befürchten, dass die politische Kaste, zu der auch der Front National gehört, auf ein „Weiter so“ setzt. Damit wird  in naher Zukunft die Gruppe derjenigen, die sich vom freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat verlassen und verraten fühlen, immer grösser – und immer handlungsfähiger. Die trauernde Mutter in Marseille kann sich nicht wehren. Die Kameraden von in den No-Go-Zonen der Banlieues umgekommenen Sicherheitskräften schon.

Quelle: Achgut


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