Michael Winkler: Seehoferei

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Hat die CSU vergessen, daß sie Seehofer als strahlenden Retter im Beckstein-Huber-Tief geholt haben? Vergessen nicht, nur sucht sie jetzt nach einem Retter aus dem Seehofer-Tief. Als Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender ist der Chef-Bayer fast so mächtig wie Erdogan der Großprächtige, gepriesen sei sein Name. Er darf sich fast alles erlauben, nur eben kein Wahldebakel, wozu für die CSU alles unter 50% gehört.

Vor Seehofer hatten Edmund Stoiber und Franz Josef Strauß diese Machtfülle; dank der Gnade des Herzinfarkts erlebte Strauß einen stilvollen Abgang, während Stoiber aus den Ämtern gedrängt wurde. Das Herumgestoibere 2005, ob er nun nach Berlin geht oder nicht, war selbst für die CSU zuviel. Und nun erwischt es die Seehoferei.

Horst Tsipras, wie man ihn wegen seiner ständigen Meinungsumschwünge nennt, hat es genossen, in der Sänfte zu sitzen und seine Unterlinge zu trietzen. Solange er die Wähler halten konnte, wurde seine Selbstherrlichkeit geduldet, jetzt besteht die Gefahr, daß die Unterlinge zurückschlagen.

Formal hat Seehofer die Personaldebatte auf den Parteitag im November verschoben, doch ganz real nimmt er schon an den Verhandlungen in Berlin als „Lame Duck“ teil, als lahme Ente, als Bayernchef auf Abruf. Er braucht dringend Erfolge, dafür bekommt er eine Kröte nach der anderen serviert, die er brav schlucken muß.

Im Gegensatz zur Merkelpartei gibt es in der CSU interessierte Nachfolger. Das Verhandlungsaufgebot für Berlin ist mehr als schwach: Seehofer ist angeschlagen, Dobrindt als Landesgruppenchef neu und unerfahren, Spitzenkandidat Herrmann hat es nicht in den Bundestag geschafft. Bleibt noch der Generalsekretär – Moment, ich schaue gleich mal nach – ah, Andreas Scheuer. Was, der hat den Posten schon seit 2013? Ich kann mich nicht erinnern, daß ich den schon mal im Tageskommentar erwähnt habe. Aber er ist zweifellos eine weltbekannte Führungspersönlichkeit, die es locker schafft, Seehofers Wiederwahl zu retten.

Die SPD hat eine neue Fraktionsvorsitzende. Den Sozialismus in seinem Lauf hält eben weder Ochs noch Esel auf, wie schon Erich Honecker gewußt hatte. Wolfgang Schäuble soll neuer Präsident des Bundestages werden. Da sitzt er vorne und darf die Bundesversammlung leiten, wenn ein neuer Bundespräsident gewählt werden soll.

Protokollarisch ist er die Nummer Zwei, nach dem Bundespräsidenten und vor der Bundeskanzlerin. Real ist er damit der Reserve-Grüßaugust, der nur einspringen darf, denn die anderen verhindert sind. Als Finanzminister hingegen war er der mächtigste Mann im Kabinett gewesen. Andererseits, der Mann ist 75, neben Angela Merkel das letzte Fossil aus der Ära Kohl. Da ist ein ruhiger Austragsposten angemessen.

Die Kurden haben für ihre Abtrennung vom Irak gestimmt, für einen eigenen Staat. Mit knapp 93% hatte diese Vorlage mehr Zustimmung als Andrea Nahles bekommen. Ein neues Israel würde da geschaffen, ein ewiger Konfliktherd, warnen die Kritiker. Natürlich hinken die Vergleiche. Während die Juden bei ihrer Landnahme die einheimische semitische Bevölkerung verdrängten und entrechteten, leben die Kurden schon jetzt dort, wo sie ihren Staat erreichten wollen.

Und während die Juden von einem Großisrael träumen, zwischen Nil und Euphrat, wie es auf ihrer Flagge abgebildet ist, wollen die Kurden keine Nachbarstaaten überfallen und annektieren, sondern nur die Gebiete sammeln, die jetzt schon von Kurden bewohnt werden. Das nannte man früher Selbstbestimmungsrecht der Völker, wurde aber auf internationaler Ebene zu Gunsten des Faustrechts nie angewandt.

Das letzte Land der Welt, das Frauen nicht ans Steuer eines Automobils gelassen hat, hat aufgegeben. Ab Juni 2018 dürfen auch in Saudi-Arabien Frauen Autos lenken. Die Emanzipation, die Gleichstellung der Frauen mit dem Menschen, schreitet also selbst im Land des Wahabismus unaufhaltsam fort. Womöglich dürfen schon in 50 Jahren Frauen unverschleiert auf die Straße, in 80 Jahren ohne männliche Begleitung und in 100 Jahren sogar ohne Kopftuch.

Die Entwicklung in der Islamischen Republik Germanistan hingegen wird umgekehrt verlaufen: In 20 Jahren haben wir die Kopftuchpflicht eingeführt, in 30 Jahren das Züchtigungsrecht der Ehemänner erlangt. In 50 Jahren dürfen Frauen in Germanistan keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden und verlieren das passive Wahlrecht. In 80 Jahren ringen wir uns zur Vollverschleierung durch, in 100 Jahren wird in allen Moscheen Germanistans gegen die viel zu lasche Auslegung des Islams in Saudi-Arabien gepredigt.

Sind wir auf belgische Verhältnisse eingestellt? Kommen wir über Monate mit einer nur noch geschäftsführenden Regierung aus? Nun ja, dank der selbstherrlichen und unbelehrbaren Kanzlerin werden wir das nicht einmal bemerken. Eine Diktatur braucht keine demokratische Legitimation, die Alleinherrschaft einer verantwortungslosen Frau sind wir schließlich gewöhnt. Wir schaffen das, heißt es dann regelmäßig.

Neuwahlen wären jedoch auch eine interessante Option, da auf diese Weise die AfD-Abtrünnigen elegant aus der Politik entsorgt würden. Sollten Merkel, Schulz und Seehofer da noch schlechtere Ergebnisse einfahren, werden sogar deren träge Parteien anfangen, nach Alternativen zu suchen.

Quelle: Michael Winkler

2 KOMMENTARE

  1. Danke, Herr Winkler, aus unerfindlichen Gründen hat mir Ihr Artikel den Abend gerettet (c:
    Bei den Kröten für Herrn Seehofer fing es an, über den – Moment, ich scroll noch mal nach oben – Andreas Scheuer, und den Grüßaugust in seinem Austragsposten, bis hin zu den hinkenden Vergleichen und der Gunst des Faustrechts – einfach herrlich, mir laufen die Tränen! Da können mir noch nicht mal die prognostizierten Predigten gegen die zu lasche Auslegung des Islams in Saudi-Arabien den Spaß verderben (c:
    Danke dafür!

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