Neue Sau im Dorf eingetroffen

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Na, so ganz neu ist diese Sau (Sau natürlich nur im übertragenen Sinne) ja nicht. Eher alter Wein in alten Schläuchen. Ein Ruck geht da nicht – weder durch das ganze Land – noch sonst wo durch. Höchstens durch die neue Baracke (wer kennt noch diesen Begriff?), denn Schulzes Lieblingsausdruck ist – das hat er mit Präsident Trump gemeinsam – „Ihr seid alle entlassen“ (Trump sagt das natürlich in englisch und hat die kommissarische Justizministerin Sally Yates gefired.).

Am Sonntag hat die sozialdemokratische Lichtgestalt eine einstündige Rede gehalten und dazu wurde das Willy-Brandt-Haus schön mit jungen Claqueuren geschmückt, die immer artig mit dem Kopf nickten, vorschriftsmäßig applaudierten und begeistert grölten. Hinter Schulz durfte keiner stehen der Ü 30 war (und ich muss zugeben, dass mich die langhaarige Hübsche oft vom konzentrierten Zuhören abgehalten hat).

So wird man zum Heilsbringer! Das scheint auch das große Problem dieser ehem. sozialdemokratischen Partei zu sein: es gibt keine Persönlichkeiten mehr. Wer oben angekommen ist, der ist rundgelutscht, stromlinienförmig ausgerichtet, ersetzbar und – langweilig geworden.

Programmatik wird durch Medienhype ersetzt. Die Spindoktoren feilen auch die faulste und doofste Nuss zur Lichtgestalt. Der etwas zickzackige Lebensweg des Kanzlerkandidaten wird jetzt zum Alleinstellungsmerkmal, an dem sich Heerscharen von Eltern zukünftig die Zähne ausbeißen können: Der Schulz hat auch gesoffen und die Schule geschmissen und ist jetzt Kanzler (im schlimmsten Fall) – oder zumindest Kanzlerkandidat, wenn das Schicksal es nicht ganz so schlimm mit uns meint. Aus Koniferen werden Koryphäen – so wird das dann verkauft.

Demoskopisch kennen neun Prozent Martin Schulz, aber 61% finden ihn sympathisch. Das ist der Stand der Demokratie in Deutschland, oder der Welt? Es bröckelt einiges. Sehr lyrisch hat das mein Freund Helmut Pirkl in einem Leserbrief ausgedrückt: „Trumps Gegner bereiten seine Präsidentschaft zum verkochen in einem Hexenkessel vor.“ Nur die, deren Schulzeit schon etwas länger zurückliegt, wissen, dass sich der Text auf Shakespeares Macbeth bezieht (den Opfern rotgrüner Bildungspolitik sei gesagt, dass Shakespeare kein Dyson ist, auch kein McDonalds-Angebot der Woche und auch kein englischer Nazi, der für Brexit gestimmt hat).

Der 61jährige (nichts gegen Alte!) Apparatschik wird zum Retter in höchster Not hochsterilisiert, wie weiland die Geheimwaffen für den Endsieg. Nüchtern betrachtet ist die Bekämpfung der Trunksucht das einzige, was Schulz erfolgreich gemeistert hat. Sein politischer Lebenslauf ist eher mager. In Würselen haben sie noch heute mit seinem Aquana viel Spaß, wie das  MORGENGAGAZIN glaubhaft berichtet (von diesem gehässigen Stupidedia-Artikel distanziere ich mich ausdrücklich. Das hat der Martin (noch?) nicht verdient). Seine Brüsseler Zeit ist zur Freude vieler – auch sozialdemokratischen – Abgeordneten jetzt rum. Zusammen mit seinem Kumpan Juncker steht er eher für die bleierne Zeit, wo die EU vom System Schunker (Wortspiel Schulz/Juncker) beherrscht wurde, wie Peter Riesbeck von der Berliner Zeitung berichtet.

Sarkastischer ist Jan Fleischhauer vom SPIEGEL, der vor drei Jahren diese Glosse geschrieben hat. Nichts schreiben will ich zu der Affäre mit den üppigen Tagegeldern, das machen andere. Mein Thema ist die inhaltliche Leere für die ein Schulz steht. Bei Anne Will wollte er einen Vertrauensvorschuss (hier ab 37:00) haben, aber Maurike Maaßen hat dem Süßholz widerstanden. Ist da in der Regie was durcheinandergeraten? Vielleicht sollte Schulz mal eine Schulung bei Vorwerk buchen? Einer meiner Lieblingsautoren, Stephan Paetow, hat die Sendung analysiert. Ich empfehle auch die Lektüre der Leserbriefe. Einen möchte ich rausgreifen: „Ich brauche einen Vertrauensvorschuss! Ich brauche einen Vertrauensvorschuss!“ Erzähle ich meiner Frau auch immer, bevor ich fremdgehe;-) Ja, es sind noch einige Monate hin und ein Wahlergebnis Ü 20 für die SPD würde mich wundern. Ich hasse das Wort „Populismus“, weil es zur Keule verkommen ist, aber was Martin Schulz an Sprüchen in Berlin abgelassen hat, war Populistenstadl in Reinkultur. Wer ist nicht für soziale Gerechtigkeit? Alle machen mit beim Kampf gegen Hitler und die seinen und beim „Kampf gegen Rechts“ lässt sich so manche Steuermillion für die Antifa-Faschisten erschleichen.

Wofür Martin Schulz eigentlich steht, das hat auch Ludwig Greven von der ZEIT nicht rausgefunden. Aber man muss nicht mit Argumenten überzeugen, sondern mit Sprüchen und da sind alle Parteien gleich. Der Martin-Hype ist eher etwas für die Journaille, ein Köder, der den Anglern, aber nicht den Fischen schmeckt – wie Fritz Goergen meint. Den Schatzmeister wird es freuen, man kann die alten, nicht geklebten, Plakate der Europawahl recyceln.

 Quelle: Altermannblog.de


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